Olympiasieger Mario Gyr verabschiedet sich vom Spitzensport

Olympiasieger Mario Gyr verabschiedet sich vom Spitzensport

Artikel - Olympiasieger Mario Gyr verabschiedet sich vom Spitzensport

Mario Gyr
Olympiasieger Mario Gyr erklärte seinen Rücktritt vom Spitzensport. Mit diesem persönlichen Entscheid geht eine lange und erfolgreiche Spitzensportkarriere zu Ende. Höhepunkt in Gyr's Karriere war der Olympiasieg im leichten Vierer in Rio de Janeiro 2016.

Persönliches Rücktrittsschreiben von Mario Gyr vom 4. Oktober 2018

Nichts ist im Spitzensport so unumstösslich klar wie die Tatsache, dass irgendwann Schluss ist. Als Hochleistungs-Sportler sieht man sich deshalb wohl früher als andere mit dem Fakt konfrontiert, dass eine Karriere vergänglich ist. Daher habe ich mich immer wieder hinterfragt und meine Einstellung überprüft. Nun bin ich an einem Punkt angekommen an dem ich sage: Ich trete vom Spitzensport zurück!

Nebst dem nötigen Talent verfügte ich in all den Jahren als Profisportler über eine ausserordentliche Begeisterung, eine riesige Motivation und einen unbändigen Siegeswillen. Ich war bereit, alles für meine Sportkarriere zu geben. Ich habe jahrelang meinen Alltag – im Grunde mein ganzes Leben, seitdem ich im Alter von 18 Jahren realisiert hatte, dass ich es tatsächlich einmal in den Nationalkader würde schaffen können – auf den Leistungssport ausgerichtet. Mir war dabei stets bewusst, dass der Erfolg eine Frage der Prioritäten ist. Dementsprechend habe ich in den vergangenen Jahren auf viel verzichtet und die Prioritäten voll und ganz auf den Spitzensport gelegt.

Mein ursprüngliches Ziel, im Anschluss an den Olympiasieg 2016 nach einem Zwischenjahr ab 2018 wieder voll ins Training einzusteigen und bei den Olympischen Spielen 2020 in Tokyo bei den Schwergewichten auf Medaillenjagd zu gehen, war ambitioniert und spannend. Und ich bin überzeugt, dass die Chancen auf eine weitere Olympiamedaille gross sind. Hierfür hätte ich jedoch wieder alles andere stehen und liegen lassen und mein Leben auch in den kommenden zwei Jahren wieder voll und ganz dem Spitzensport unterordnen müssen.

Die Realität ist aber, dass die Prioritäten schon in den letzten zwei Jahren nicht mehr komplett auf dem Spitzensport lagen. Ich musste unweigerlich feststellen, dass ich zwar die Wettkämpfe und den Stallgeruch von Regatten nach wie vor über alles liebe, aber nicht mehr bereit bin, alles dem Spitzensport unterzuordnen. Daher gibt es für mich nur eine Konsequenz: Ich trete vom aktiven Spitzensport zurück.

Ich bin dankbar für die Erfahrung, welche mir die Lebensschule Spitzensport gebracht hat. Ich bin froh, dass ich auch nach all den Jahren noch jeden Tag Freude am Rudern hatte. Und ich möchte die sportlichen Höhepunkte sowie die vielen emotionalen Erlebnisse und schönen Erinnerungen, die ich mit ihnen verbinde, keinesfalls missen. Der Olympiasieg in Rio 2016 oder die WM-Goldmedaille 2015 nach einer verletzungsbedingt sehr schwierigen Saison seien an dieser Stelle stellvertretend für viele bewegende Momente genannt. Aber es sind nicht nur Titel und Topresultate, die für mich den Lohn für die harte Arbeit im Trainingsalltag bedeutet haben. Eine der schönsten und besten Erkenntnisse aus den vergangenen Jahren ist das Gefühl, dass man seinen Körper zu 100 Prozent unter Kontrolle hat. Als Profiruderer ist man berufsbedingt extrem fit und das ist eine physische Erfahrung, die man sicherlich nirgendwo anders findet. 

An dieser Stelle möchte ich mich ganz herzlich beim Schweizerischen Ruderverband und insbesondere bei Verbandsdirektor Christian Stofer bedanken, der seit Jahren eine enorme Arbeit für die Bubenträume von uns Athleten verrichtet und ohne den der SRV bei weitem nicht da wäre, wo er jetzt ist.

Ebenso danke ich meinem Heimatclub Seeclub Luzern. Ohne die anfängliche Unterstützung des Seeclubs und meines damaligen Gönnervereins wäre meine Sportkarriere nicht auf diese Weise möglich gewesen. 

Ohne meine Trainer, welche mich tagtäglich immer wieder aufs neue forderten und förderten, hätte ich den Sprung vom nationalen Ruderer an die Ruderspitze nie geschafft! Mein herzlicher Dank geht an David Koller, Kirsten Stich, Jürgen Träger, Ian Wright und Edouard Blanc für ihre Geduld und das Vertrauen in mich.

Ein großes und vor allem auch herzliches Dankeschön gebührt auch meinen drei langjährigen Teamkollegen Lucas Tramèr, Simon Schürch und Simon Niepmann, welche in puncto Rhythmus, Talent, Kampfeswille und Mentalität die gleichen Vorstellungen wie ich vom Rudern hatten. Dank ihnen waren wir ein Team voller Charakter und Persönlichkeiten, in dem sich jeder aufopferte zugunsten des gemeinsamen Erfolges und am Tag x jeweils immer die Bestleistung lieferte. 

Ebenfalls danke ich der Schweizerischen Sporthilfe, der Schweizer Armee und meinen Sponsoren Red Bull, Schurter, Les Ambassadeurs, EFG und Fromm für die langjährige Unterstützung.

Das letzte Rennen wird das Red Bull X-row Race an diesem Samstag 6. Oktober sein. Damit endet meine Karriere dort, wo ich 2001 meine ersten Ruderschläge gemacht habe: im Luzerner Seebecken.

Mario Gyr

Luzern, 4. Oktober 2018