Europas Rudernationen brennen auf die EM in Polen

Europas Rudernationen brennen auf die EM in Polen

Artikel - Europas Rudernationen brennen auf die EM in Polen

Die Europameisterschaften in Polen vom 09.-11.10.2020 bieten in diesem Jahr das erste und einzige Kräftemessen der europäischen Top-Ruderinnen und -Ruderer. SWISS ROWING beschickt die Europameisterschaften mit einer Delegation von 7 Booten und 19 Teilnehmenden.

TRAININGSBILDER Ruder-EM Poznan vom Mittwoch, 07.10.2020 (Fotos: Detlev Seyb)

Seit fast einem Jahr trainiert die Ruder-Elite auf der ganzen Welt ohne internationale Standortbestimmung. Corona bedingt wurden im Frühling alle Weltcuprennen ersatzlos gestrichen und das grosse Jahresziel, die Olympischen Spiele in Tokio, um ein Jahr verschoben. Auch die Ruder-EM in Polen konnte nicht wie geplant Anfang Juni stattfinden. Aber selbst nach der Verschiebung blieb lange unklar, ob die Europameisterschaften wirklich im Oktober stattfinden würden. Erst Mitte August kam das grüne Licht. 

Die meisten Ruderprofis kämpften in diesem Jahr mit denselben widrigen Umständen. In vielen Ländern war im Frühling während mindestens zwei Monaten kein Wassertraining möglich. «Es wird interessant sein, in welcher Verfassung sich die Elite-Boote verschiedener Nationen ein halbes Jahr nach den weltweiten Lockdowns präsentieren», ist Verbandsdirektor Christian Stofer gespannt. Mittlerweile konnte er sich an den Europameisterschaften der U23 und Junioren ein erstes Bild verschaffen. «Das Niveau beim Nachwuchs war hoch. Keine der Nationen hat geschlafen. Nur wer an der EM in Polen von Anfang an den Rennrhythmus findet, wird eine Chance haben.» Für den Verbandsdirektor ist es keine Überraschung, dass sich in diesem ausserordentlichen Jahr 31 europäische Nationenverbände mit teilweise grossen Delegationen in Polen einfinden werden, um diese einzige Chance auf eine internationale Regatta zu nutzen. 

Positive Erinnerungen beim Männer-Doppelzweier
Im vergangenen Jahr feierten Roman Röösli (SC Sempach) und Barnabé Delarze (Lausanne Sports Aviron) beim Weltcup in Poznan ihren ersten Weltcupsieg überhaupt im Doppelzweier der offenen Gewichtsklasse. «Wir ruderten ohne Erwartungen und waren locker. Mit dieser Einstellung blieben wir das ganze Wochenende ungeschlagen», erinnert sich Barnabé Delarze. «Das war ein fantastisches Gefühl. Denn eigentlich wollten wir in Poznan gar nicht erst starten.» Dem Weltcupsieg vorangegangen war drei Wochen zuvor nämlich eine äusserst bittere Niederlage. An der Heim-EM auf dem Luzerner Rotsee hatten die Schweizer den Europameistertitel um hauchdünne 9 Hundertstelsekunden gegen das Boot aus Polen verpasst. Die Enttäuschung war entsprechend gross gewesen. Mit ihrem Weltcupsieg gaben die Schweizer schliesslich die Antwort auf dem Wasser, während die frischgebackenen Europameister und Lokalmatadoren in Polen das Podest verpassten und Vierte wurden.

Wegweisende Resultate für Jeannine Gmelin
Auch bei Jeannine Gmelin (RC Uster) führte der Weg aufs internationale Ruderpodium über Poznan. Bislang startete die Zürcherin im Skiff zwei Mal auf der polnischen Regattastrecke, beide Male erfolgreich. 2015 wurde sie Vize-Europameisterin und gewann damit ihre erste internationale Medaille. 2016 schaffte sie es mit ihrem dritten Rang zum ersten Mal auf das Weltcup-Podium. «Ich finde die Regattabahn in Poznan richtig cool», freut sich Jeannine Gmelin auf die anstehende EM. «Die Strecke dient gleichzeitig als eine Art Naherholungsgebiet mit Freizeitpark direkt am Ufer und Shoppingcenter gleich nebenan.» 15 Boote sind im Fraueneiner gemeldet, darunter auch die amtierende Welt- und Europameisterin Sanita Puspure aus Irland, an der im letzten Jahr kein Vorbeikommen war. Dieser einzige Direktvergleich des Jahres lässt bei Jeannine Gmelin Vorfreude aufkommen. «Ich merke, dass ich die Rennen mehr vermisst habe als ich zuerst dachte. Zudem möchte ich meine Serie gerne fortsetzen: Ich habe an jeder meiner bisherigen EM-Teilnahmen eine Medaille gewonnen. Das soll so bleiben.» 

Fortschritte sichtbar machen
Der Vierer ohne Steuermann mit Schlagmann Joel Schürch (SC Sursee), Nicolas Kamber (Grasshopper Club Zürich), Paul Jacquot (SC Zürich) und Markus Kessler (RC Schaffhausen) sieht Poznan als Saison-Highlight und will an der EM seine Fortschritte auf dem Weg an die Olympischen Spiele in Tokio demonstrieren. «Die Resultate unserer internen Rennen zum Beispiel gegen Röösli/Delarze zeigen, dass wir spürbar schneller geworden sind», sagt Joel Schürch. «Was dies im internationalen Vergleich schliesslich heisst, werden wir in Polen herausfinden.» Bei diesem Kräftemessen trifft das Boot auf starke Gegner. So stellt Gastgeber Polen den Weltmeister in dieser Bootsklasse. Mit von der Partie sind aber auch weitere starke Riemennationen wie Rumänien, Italien und die Niederlande. Der Schweizer Vierer-ohne wird alle Register ziehen müssen, will er sein Ziel erreichen: einen Startplatz im A-Final.

Frauen-Doppelvierer als Olympia-Projekt
Ähnlich wie vor drei Jahren mit dem mittlerweile für Olympia qualifizierten Vierer ohne Steuermann, leistet der Verband SWISS ROWING hinsichtlich der Olympischen Spiele in Paris 2024 weitere Aufbauarbeit, diesmal für ein Schweizer Frauen-Grossboot. «Wir verfügen aktuell im Nationalkader über eine leistungsstarke Frauengruppe. Sie besteht sowohl aus arrivierten Ruderinnen als auch aus Nachwuchskräften,» erklärt Christian Stofer. Die Aufbauarbeit für ein Grossboot braucht erfahrungsgemäss mehrere Jahre. «Die EM-Rennen bieten für dieses Frauen-Projekt eine perfekte Standortbestimmung.» Die Crew mit Schlagfrau Pascale Walker (RC Zürich), Lisa Lötscher (SC Luzern), Ella von der Schulenburg  (SC Küsnacht) und Salomé Ulrich (SC Luzern) trifft in Poznan auf neun weitere Boote. 

Leichtgewichte immer noch auf der Jagd nach Olympia-Startplatz
Während drei Schweizer Boote den Olympia-Quotenplatz bereits letztes Jahr gesichert haben, müssen sich die Doppelzweier der Leichtgewichte sowohl bei den Frauen als auch bei den Männern noch über eine finale Qualifikationsregatta im Frühling 2021 qualifizieren. Patricia Merz (SC Zug) und Frédérique Rol (Lausanne Sports Aviron), EM-Dritte in den Jahren 2018 und 2019, verpassten die Olympia-Qualifikation vor einem Jahr an der WM in Linz-Ottensheim nur knapp. Nun strebt das Boot in Polen den EM-Hattrick an. Bei den Männern rudern die beiden Zentralschweizer Andri Struzina (SC Zug) und Jan Schäuble (SC Stansstad) ihre erste gemeinsame internationale Regatta. Darum wird dieser einzige Direktvergleich im Jahr 2020 den beiden wichtige Informationen liefern. 

Sofia Meakin (CA Vésenaz) rudert an der EM, genau wie im letzten Jahr, im Leichtgewichtseiner. Immerhin bewies die junge Westschweizerin mit ihrem 4. Rang an der Heim-EM in Luzern vor einem Jahr, dass sie im leichten Einer durchaus eine Medaillenkandidatin ist.  

Nicht zuletzt reisen drei Ersatzleute mit nach Polen. Scott Bärlocher (RC Baden) wurde an der Schweizermeisterschaft Dritter im Männereiner, trainierte schon mehrfach mit dem Vierer-ohne und kann sowohl im Skull- als auch im Riemenboot eingesetzt werden. Fabienne Schweizer (SC Luzern), aktuell Schweizermeisterin sowohl im Vierer-ohne als auch im Doppelvierer der offenen Gewichtsklasse, steht dem Frauen-Doppelvierer als Ersatz zur Verfügung. Eline Rol (SN Genève Aviron), die an der SM sowohl im Fraueneiner der offenen Klasse als auch im Leichtgewichtseiner als Dritte auf dem Podium stand, ist schliesslich als Ersatzfrau für die Leichtgewichtsboote der Frauen vorgesehen. 

Schweizer Delegation Ruder-EM Poznan, Polen (09.-11.10.2020):  

Einer Frauen (W1x) 
Jeannine Gmelin (Ruderclub Uster)

Einer Frauen Leichtgewichte (LW1x) 
Sofia Meakin (Club d’Aviron Vésenaz)

Doppelzweier Frauen Leichtgewichte (LW2x)
Patricia Merz (See-Club Zug)
Frédérique Rol (Lausanne Sports Aviron)

Doppelvierer Frauen (W4x)
Pascale Walker (Ruderclub Zürich)
Lisa Lötscher (Seeclub Luzern)
Ella von der Schulenburg (Seeclub Küsnacht)
Salome Ulrich (Seeclub Luzern)

Doppelzweier Männer (M2x)
Roman Röösli (Seeclub Sempach)
Barnabé Delarze (Lausanne Sports Aviron)

Doppelzweier Männer Leichtgewichte (LM2x)
Andri Struzina (See-Club Zug)
Jan Schäuble (Seeclub Stansstad)

Vierer ohne Steuermann Männer (M4-)
Joel Schürch (Seeclub Sursee)
Nicolas Kamber (Grasshopper Club Zürich)
Paul Jacquot (Seeclub Zürich)
Markus Kessler (Ruderclub Schaffhausen)

Selektionierte Ersatzleute: 
Frauen Leichtgewichte : Eline Rol (Société Nautique Genève Aviron)
Frauen offene Kategorie : Fabienne Schweizer (Seeclub Luzern)
Männer offene Kategorie : Scott Bärlocher (Ruderclub Baden)

Provisorischer Zeitplan (Stand 28.09.2020)

Detailliertes Meldeergebnis (Stand 29.09.2020)