Corona-Pandemie: «Einschneidende Erlebnisse können auch wertvoll sein»

Corona-Pandemie: «Einschneidende Erlebnisse können auch wertvoll sein»

Artikel - Corona-Pandemie: «Einschneidende Erlebnisse können auch wertvoll sein»

Wegen des Coronavirus sind seit dem 17. März alle Rudervereine geschlossen. Eine Herausforderung für alle Clubtrainer/-innen. Sie trainieren ihre Teams aus der Ferne mit viel Fantasie und modernster Technik. SWISS ROWING hat bei einzelnen Clubtrainern nachgefragt.

Die einschneidendsten Einschränkungen erlebt derzeit Paola Grizzetti, Trainerin beim Club Canottieri Lugano. Sie wohnt in Italien am Lago di Varese, auf der Seite von Gavirate. «In unserer Gegend gibt es zwar – im Gegensatz zur Lombardei – nur wenige Erkrankte.» Trotzdem sind die Einschränkungen in ganz Italien hart. Frische Luft schnappen kann sie nur im Umkreis von 200 Metern rund um ihr Haus. Ansonsten darf sie ihr Zuhause nicht verlassen, ausser für Einkäufe in der Apotheke oder im am nächsten gelegenen Supermarkt. Diese Regelung gilt in Italien schon seit dem 8. März, also fast einen Monat lang. «Wenn ich weiter weg zum Einkaufen fahren und die Polizei mich dabei erwischen würde, müsste ich eine happige Busse bezahlen.» 

Als Anfang März in Italien der Notstand ausgerufen wurde, versuchte Grenzgängerin Paola Grizzetti für die täglichen Trainings noch nach Lugano in den Ruderclub zu fahren. «Ich hatte für meinen kurzen Arbeitsweg 2 ½ Stunden. Es war ein Alptraum. Überall Grenz- und Polizeikontrollen.» Schnell wurde ihr klar, dass der Grenzübertritt bald schon kritisch werden würde. Und prompt: Seit dem 8. März dürfen nur noch GrenzgängerInnen aus Italien in die Schweiz einreisen, die im Gesundheitswesen arbeiten. 

Paola Grizzetti verteilte das clubeigene Rudermaterial vorsorglich noch vor der Grenzschliessung an ihr Team, darunter Ergometer und Hanteln. Sie ist täglich mit ihren 30 Schützlingen online im Austausch und schickt ihnen Trainingspläne und individuelle Trainingsaufgaben. «Um die älteren, leistungsorientierten Ruderinnen und Ruderer mache ich mir weniger Sorgen als um die Kleinsten. Hier befürchte ich, dass nach der Corona-Pause einige nicht mehr zurück ins Training kommen werden.» Den rund 40 Nachwuchsruderinnen und -ruderer von U13 bis U15 aus der Ferne ein geregeltes Training zu bieten, ist schwierig.

Gemeinsames Training via Skype beim Seeclub Sursee spornt zusätzlich an

Der Zutritt in die Clubs ist auch in der Schweiz seit dem 17. März nicht mehr möglich. Beim SC Sursee wurde dafür sogar der Zutrittsbadge der Mitglieder gesperrt und der Türcode abgeändert. «Damit erfüllen wir die behördlichen Auflagen und können gewährleisten, dass wirklich niemand mehr das Clubhaus betritt», sagt Trainerin Cornelia Suter Berset. Sie versucht, ihre Nachwuchsruderinnen und -ruderer aus der Ferne bei Stange zu halten. «Ich verstehe es aber, wenn sich Eltern bei mir melden, die neben Home Office und Home Schooling mit ihren Kindern nicht auch noch die Trainingspläne des Ruderclubs erfüllen können und wollen.» Bei ihrer Tochter Alina sieht sie, dass sich die Mitglieder der Nachwuchskader durchaus alleine organisieren können. So absolviert Alina Berset gewisse Krafttrainings mittlerweile über Skype mit ihrer Ruderkollegin Julia Andrist vom Basler Ruder-Club. «Die beiden spornen sich gegenseitig an, die Trainings sind entsprechend intensiv. Beide sind motiviert. Ich finde diese Art des Trainings toll.» Die «kreativen» Trainingspläne von Nationaltrainerin Anne-Marie Howald für den Nachwuchs schätzt Cornelia Suter Berset in dieser speziellen Zeit sehr. 

Zugerberglauf statt Bootshauseröffnung beim Seeclub Zug

Ganz unabhängig vom geschlossenen Ruderhaus wurden beim Seeclub Zug mittlerweile die Umgebungsarbeiten beim neu erstellten Zusatzgebäude abgeschlossen. «Die offizielle Eröffnung dieses neuen Gebäudes, die im Rahmen des traditionellen Anruderns erfolgt wäre, haben wir vor dem aktuellen Hintergrund natürlich verschoben», sagt Teamcoach Stephan Wiget. Neben den Trainingsplänen des SRV sorgt er mit clubeigenen Trainingsanweisungen dafür, dass seine Schützlinge zusätzliche «Challenges» bestehen. So absolvierte beispielsweise jeder solo den Zugerberglauf. Die GPS-Daten laden die Ruderinnen und Ruderer jeweils auf einschlägige Trainingswebsites (Garmin, etc.) hoch. «Diese Web-Tools nutzten wir aber bereits vor Corona.» Rund 60 Trainingswillige in den Kategorien U15 / U17 / U19 und Elite umfasst sein Team in Zug. Seine Hauptaufgabe aktuell: «Kontakt halten.» Dabei nutzen die Zuger die App «Telegramm», ein ähnliches Produkt wie «Whatsapp». Paola Grizzettis Befürchtung aber, die Jüngsten zu verlieren, teilt Stephan Wiget nicht: «Ich glaube, dass die Kinder und Jugendlichen nach Corona umso mehr darauf brennen werden, endlich wieder gemeinsam draussen etwas Sportliches unternehmen zu können.» 

Kurzfristige Aufgaben und Ziele setzen bei Lausanne Sports Aviron

Arnaud Bertsch arbeitet als Forscher an der EPFL in Lausanne und trainiert in seiner Freizeit das Team von Lausanne Sports Aviron. «Natürlich haben wir wegen Corona unser traditionelles Ostertrainingslager gestrichen», erzählt der Romand, der inzwischen wie viele andere auch im Home Office arbeitet. Er händigte seinen Ruderinnen und Ruderern Mitte März das komplette clubeigene Trainingsmaterial aus. «Es ist doch erstaunlich, was alles mit einem Ergometer, einem Medizinball und einer Yogamatte möglich ist.» Mit einem geteilten «Google Sheet», regelmässigen Videokonferenzen über «Zoom» (ähnlich wie Skype), Instruktionen per E-Mail und verschiedenen «Corona-Challenges» lässt er gar nicht erst Langeweile aufkommen. «Wichtig sind kurzfristige Aufgaben und Ziele.» Es ist ein Weg der kleinen Schritte. Trotzdem weiss er, dass der Teamspirit und der Zusammenhalt mit der Zeit leiden könnten. «Gerade bei den Jungen ist das Zusammensein mit Gleichgesinnten ein wichtiger Treiber, um überhaupt zusammen rudern zu gehen.»

Angebot eines Hilfs- und Lieferservice für ältere GC-Mitglieder

Bei den Zürcher Grasshoppers fällt die Teilnahme an der inzwischen abgesagten Royal Henley Regatta in London ins Wasser. Eine Teilnahme ist für einen Schweizer Ruderverein grundsätzlich nur in einem Olympiajahr möglich, weil ansonsten der Termin der Schweizer Meisterschaft ungünstig liegt. «Diese Absage bedrückt mich überhaupt nicht», erklärt Headcoach Thomas Böhme. «Dank der Verschiebung der Olympischen Spiele um ein Jahr ist ja nun im nächsten Jahr ein Olympiajahr. Also reisen wir nächstes Jahr nach Henley.» Überhaupt kann er dieser aktuellen Situation auch Gutes abgewinnen. «Diese einschneidenden Erlebnisse können für die jungen Generationen sehr wertvoll sein.» Die Einschränkungen der aktuellen Situation biete eine perfekte Gelegenheit, auf den Boden der Tatsachen zurückzukommen, innezuhalten und darüber nachzudenken, wohin das Leben führen soll. «Weg vom permanenten Konsum, weil dieser jetzt gar nicht mehr möglich ist.» Thomas Böhme stammt selber aus dem ehemaligen Osten Deutschlands und kennt das Gefühl der eingeschränkten Bewegungsfreiheit. «Nach dieser Erfahrung rund um die Corona-Einschränkungen können wir die vorbildliche Demokratie hier in der Schweiz hoffentlich wieder mehr wertschätzen.»

Mit seinem Elite-Team hat er einen Hilfs- und Lieferservice für ältere GC-Mitglieder auf die Beine gestellt. «Unsere Elite-Ruderer sind ja mehrheitlich Studenten, die aktuell keine Vorlesungen mehr besuchen können.» Gemäss Böhme wurden alle GC-Mitglieder über 65 Jahren angeschrieben. «Bis heute Freitag (3.4.), musste unser Hilfsangebot noch niemand in Anspruch nehmen. Aber das Angebot besteht weiterhin.» 

Die Trainingspläne händigt Thomas Böhme wie gewohnt über drei Wochen aus, bietet online zwei Trainings pro Tag an und steht in gewissen Zeitfenstern für Gespräche und Fragen zur Verfügung. «Die intrinsische Motivation zum Trainieren setze ich bei meinen Ruderern voraus.» Die Verschiebung der Olympischen Spiele in Tokio um ein Jahr sieht der GC-Trainer als grosse Chance. «Jeder willige Olympia-Aspirant sollte jetzt sehen, dass ihm 12 Monate geschenkt wurden, um sich weiterzuentwickeln. Die finale Olympia-Qualifikationsregatta findet in einem Jahr statt. Die jetzige Zeit ist eine hervorragende Gelegenheit für alle, wenn man die richtigen Schlüsse für die Zukunft daraus zieht.»

Klar ist: Die Vereine sind motiviert und begegnen der aktuellen Situation um das Coronavirus proaktiv. Sie nutzen innovative Ansätze immer mit dem Ziel, sich nach besten Möglichkeiten auf die Zeit nach Corona vorzubereiten, egal wie lange dieser Ausnahmezustand noch dauern mag. 

Die Interviews mit ausgewählten Clubtrainern/-innen führte Jolanda van de Graaf